Seekarte Tierra del Fuego
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Sehnsuchtsorte am Ende der Welt

„Warum – und das ist nicht nur meine spezielle Sicht – ergreift dieses abweisende, öde Land so von mir Besitz? (…) Ich kann meine Empfindungen nur schwer erklären. Aber es mag daran liegen, dass hier der Einbildung volle Freiheit gegeben ist.“ (Charles Darwin)

Was Charles Darwin rückblickend auf seine Reise durch den äußersten Süden Patagoniens – und damit der Südspitze des amerikanischen Kontinents – beschrieb, wirkt noch heute so auf uns. Was wir sehen: eine wild zerklüftete Landschaft aus labyrinthisch verschlungenen Meeresarmen, kargen, unfruchtbaren Inseln und vergletscherten Bergen. Ihr hatte Magellan schon 1520 den Namen „Feuerland“ gegeben. Wer damit – wie ich in jungen Jahren – feuerspeiende Vulkane verbindet, irrt. Vielmehr hatten er und seine Begleiter beobachtet, dass die seit Jahrtausenden dort lebenden Yamana, ein Volk von Seenomaden, auf ihren Kanus stets Feuer mit sich führten. Das Bild prägte sich so ein, dass daraus die an und für sich raue und kalte Region ihren Namen erhielt: Tierro del Fuego, Land des Feuers.

Unsere Kreuzfahrt mit der Ventus Australis folgt ihren Spuren ebenso wie denen von Magellan und Darwin. Klingende Namen wie Magellan-Straße oder Beagle Kanal hat wohl schon jeder einmal gehört, damit seine Fantasie beflügelt und Sehnsüchte geweckt. Auch für uns war es ein Traum, einmal dorthin zu reisen und mit eigenen Augen dieses Ende der Welt zu sehen, die Dimensionen zu begreifen und diese ganz besondere Atmosphäre dort zu spüren. „Fin del mundo“ nennen es sowohl die Chilenen als auch die Argentinier, die sich heute diese abgeschiedene Ecke der Welt teilen. Und dann hat natürlich Kap Hoorn meine Fantasie beflügelt, das südlichste Kap der Welt, das selbst zum Mythos geworden ist, und die berühmt-berüchtigte Drake-Passage zwischen Feuerland und Antarktis. Seit meiner Jugend hatte ich gerne und viel über abenteuerliche Segeltörns in fernen Gewässern gelesen. Kap Hoorn spukte also schon lange in meinem Kopf herum.

Auf‘s Schiff

Aber der Reihe nach. Wir schiffen uns am 30. Dezember in Punta Arenas (Chile) auf der Ventus Australis ein, einem relativ kleinen Kreuzfahrtschiff, das erst 2017 speziell für diese Gewässer gebaut wurde. Die Crew, besonders das so genannte Expeditionsteam, hat den Anspruch, den Passagieren nicht nur besondere Landschaften zu zeigen, sondern möglichst viel Informationen und Hintergrundwissen über Klima und Natur, Geschichte und Kultur der Ureinwohner, aber auch über die Geschichte der Seefahrt seit der „zweiten Entdeckung“ durch die Europäer zu geben – und dies mit täglichen Landausflügen zu verbinden. Sie lösen das gut ein, wir lernen und erfahren viel. Mit uns erleben das 210 Mitreisende aus 23 Nationen, was auch noch einmal eine sehr anregende Mixtur aus Menschen unterschiedlicher Kulturen ist. Bis wir in Ushuaia (Argentinien) angekommen sind, werden wir in vier Tagen und Nächten 584 Seemeilen zurückgelegt und dabei die Magellan-Straße ebenso wie den Beagle-Kanal befahren und Kap Hoorn umrundet haben – bei langen Tagen und kurzen Nächten: Erst gegen 23.00 Uhr wird es hier richtig dunkel.

Die Ventus Australis im Hafen von Punta Arenas
Die Ventus Australis im Hafen von Punta Arenas
Gut eingepackt an Bord der Ventus Australis
Gut eingepackt an Bord der Ventus Australis
Ausflug mit den Zodiacs
erster Ausflug mit den Zodiacs…
Pinguine
…zu den Pinguinen

Ein kleiner historischer Exkurs: Im Auftrag des spanischen Königs suchte der Portugiese Fernando Magellan eine Durchfahrt im Süden des riesigen amerikanischen Kontinents, um vom Atlantischen in den Pazifischen Ozean zu gelangen. 1520 entdeckte die Flotte eine Meerenge zwischen dem südamerikanischen Festland und den Inseln südlich davon (Feuerland) und erreichte schließlich nach zahlreichen Irrfahrten den Pazifik. (Um sich eine Vorstellung von den Dimensionen zu machen: Die Länge der Durchfahrt beträgt 570 Kilometer.) Ganz besonders wird dieses Ereignis für uns dadurch, dass wir das Glück haben, zur rechten Zeit am rechten Ort aufzukreuzen. Wir erleben den Jahreswechsel genau zu Beginn des Jubiläumsjahres 2020, also zum 500. Jahrestag! (Erfreulich auch, dass Silvester an Bord der Australis ohne Gedöns begangen wird.) Kap Hoorn, die eigentliche Südspitze, wurde übrigens erst ein Jahrhundert später, nämlich 1616 von holländischen Seefahrern „entdeckt“.

Auf den Spuren von Charles Darwin

Ähnlich präsent wie Magellan ist in Südpatagonien Charles Darwin. Der große Naturforscher durchfuhr mit dem vom Kapitän Fitz Roy gesteuerten Schiff „Beagle“ 1833 erstmals eine nahezu schnurgerade, schmale Durchfahrt durch das Labyrinth von Inseln und Meeresarmen und entdeckte so eine natürliche Wasserstraße: der Beagle-Kanal, der einmal quer durch Feuerland führt. Als die Beagle am 23. Januar in der Wuleia-Bucht vor Anker ging, landeten sie mitten im Territorium der Yamana, einem Volk, das dort wohl seit mehr als 10.000 Jahren (!) siedelte. Darwin beschrieb die Yamana und ihre Lebensweise als „erschreckend primitiv. (…) Ich konnte kaum glauben, wie groß der Unterschied war zwischen wilden und zivilisierten Menschen“ – typisch für die überhebliche Sichtweise eines europäischen Weißen (er hat das Urteil später selbst revidiert). Mit dem Vordringen der Walfänger, Schafzüchter und Missionare aus dem Norden begann im 19. Jahrhundert die mehr oder wenige systematische Verdrängung und schließlich Vernichtung der alten einheimischen Kulturen. Heute leben nur noch wenige davon: Die letzte noch lebende Zeugin der Yamana-Kultur, die auch noch die ursprüngliche Sprache spricht, lebt mit 90 Jahren in Ushuaia.

Erinnerungstafel für Charles Darwin
Erinnerungstafel für Charles Darwin

Mythos Patagonien

Zurück zur Natur, die in ihrer Urwüchsigkeit, Kargheit und Rauheit auf uns überwältigend schön wirkt. Und das, obwohl Reisende dort kräftige, mitunter eisige Winde und plötzliche Regenschauer erwarten und nichts finden werden, was in klassischem Sinn eine Urlaubsreise wert wäre: Palmen, Sandstrände, Wärme, schöne Orte. Warum uns dennoch genau diese Art von Landschaft so berührt, so in ihren Bann zieht, dass wir stundenlang an der Reling stehen, nur um zu Schauen und zu Staunen – und, nun ja, auch um zu Fotografieren – ist eben nur schwer zu sagen. Das Darwin-Zitat ist ja auch nur ein Versuch der Erklärung. Hat es damit zu tun, dass diese Landschaften archaisch sind, seit hunderttausenden von Jahren von Menschen nahezu unberührt, unverändert, dass sich darüber ein schier unendlich weiter Himmel aufspannt? Also eigentlich fremd, weil ganz anders, als wir es gewohnt sind? Vermutlich liegt ja gerade der besondere Reiz auch darin, dass wir es uns nicht wirklich erklären können.

Eislandschaften

Am spektakulärsten erleben wir die Gletscher und die sie umgebenden Landschaften. Schon am zweiten Tag fahren wir mit den Zodiacs – großen, stark motorisierten Schlauchbooten – zum Pia-Gletscher. Da er bis ans Wasser reicht, können wir ihn aus großer Nähe bestaunen: seine wild zerklüfteten Ränder, das zarte Blau der offenen Abbruchstellen, die chaotische Eislandschaft dahinter und die zahllosen schwimmenden Eisschollen davor. Was uns überrascht, ist die Lautstärke der herabbrechenden Eisstücke: Selbst bei kleineren Abbrüchen und Spannungsrissen hören wir lautes Donnern. Der Gletscher lebt!

Bug der Ventus Australis
Gleich geht’s los: Passagiere der Ventus Australis warten auf die Zodiacs
Gletscher
Dieser Gletscher ist das Ziel
Eisschollen
Vorbei an den Eisschollen…
Pia-Gletscher
…zum Pia-Gletscher
Elke staunt über den Gletscher
Elke und der Pia-Gletscher
Wolfgang und Elke am Pia-Gletscher
am Pia-Gletscher

56. Breitengrad Süd, 67. Längengrad West

Es ist trüb und grau, es regnet leicht, ist aber erstaunlich windstill und mild. Um 7:00 geht’s auf die Zodiacs: Wir gehen am Kap Hoorn an Land. Das Kap ist nichts anderes als eine letzte Insel, ein letztes majestätisches Versinken der großen Andenkordilliere, die von Nord nach Süd durch den ganzen amerikanischen Kontinent zieht. Gefürchtet wegen seiner Stürme, zeigt es sich heute bemerkenswert ruhig. Aber der Schein sollte nicht trügen: Die Umrundung von Kap Hoorn gilt nach wie vor als eine der gefährlichsten Schiffspassagen der Welt. Genau weiß man es nicht, aber man schätzt, dass im Laufe der Jahrhunderte dort circa 800 Schiffe gesunken sind und etwa 10.000 Seeleute ihr Leben gelassen haben.

Wir erleben es so: Zweihundert in Rettungswesten gekleidete Passagiere entsteigen nach und nach den Schlauchbooten, um (fast) im Gänsemarsch erst zum großen Monument mit dem symbolischen Albatross zu gehen. Danach geht’s zum Haus des Leuchtturmwärters, wo uns überraschenderweise die Familie ihre Türen öffnet für ihre Privaträume. Wir erfahren, dass sie erst seit wenigen Wochen hier leben, zusammen mit ihren zwei Kindern, und dass sie sich für ein Jahr verpflichtet haben, hier in dieser Einsamkeit zu leben. Dennoch ist die Zahl der Bewerbungen für diese Stelle groß, denn sie sei gut bezahlt. So treffen wir am südlichsten Punkt aller bewohnbaren Erdteile auf eine gastfreundliche Familie, die sich wirklich über unseren Besuch freut. Außer uns kämen noch nur noch einige Segler vorbei.

Kap Hoorn
Kap Hoorn
Aufstieg nach Kap Hoorn
Aufstieg nach Kap Hoorn
Kunstwerk auf Kap Hoorn
Kunstwerk auf Kap Hoorn
Leuchtturm von Kap Hoorn
Leuchtturm von Kap Hoorn

Eine paradiesische Bucht am Ende der Welt

Am letzten Tag, schon auf dem Weg nach Ushuaia, ankern wir noch in besagter Wuleia-Bucht, also der Bucht, in der auch Darwin 1833 an Land ging. Die Reederei der Australis unterhält dort, in einer ehemaligen Radiostation der chilenischen Marine, ein interessantes Museum über die Geschichte und Kultur der Besiedlung dieses entlegenen Fleckens Erde. Die Bucht selbst ist ein paradiesischer Ort, üppig mit Pflanzen bewachsen. Wir durchstreifen noch die Wälder und Höhenzüge dahinter, beobachten Biber bei ihrer Arbeit und genießen weite Blicke über den Beagle-Kanal. Wir können uns kaum vorstellen, dass wir hier im abweisenden, öden Feuerland sind.

Traumhafte Wuleia-Bucht
Traumhafte Wuleia-Bucht
Hütte der Yamana auf der Insel Wuleila
Hütte der Yamana in der Wuleia-Bucht

Von Bord gehen wir am 3. Januar in Ushuaia (Argentinien). Sie nennt sich stolz südlichste Stadt der Welt. Schon des Nachts, bei der Annäherung, verhießen die Lichter von Ferne eine überraschend große Ansiedlung. Morgens entdecken wir dann, dass Ushuaia wunderschön zwischen hohen Bergen und Meer liegt, allerdings auch ein recht rummeliger Touristenort ist. Was uns fast magisch anzieht, wohin wir zuerst eilen, ist der Segelhafen der Stadt: Dort und in der weiten Bucht verstreut liegen sie, die Yachten der Weltumsegler. Da werden erneut Sehnsüchte geweckt…

Ankunft in Ushuaia, der südlichsten Stadt der Welt
Ankunft in Ushuaia, der südlichsten Stadt der Welt

pinit fg en rect red 28 | aufmerksam reisen

reiste 19 Monate um die Welt und ist immer noch gerne aufmerksam unterwegs

6 Kommentare

  • Alfred u. Brigitte Bartl

    Hallo ihr Beiden,
    das ist großartig – ihr lebt einen großen Traum und lasst uns teilhaben.
    Sehr eindrucksvolle Fotos und interessante Reiseberichte.
    Vielen Dank dafür!
    Weiterhin eine gute Zeit mit vielen schönen Erlebnissen für euch!
    Liebe Grüße aus eurer Heimat
    Freddy u. Brigitte

  • Hans Schlumberger

    Liebe Elke, lieber Wofgang, das sind ja traumhafte Bilder und Erlebnisse. Man fuehlt sich durch euren Bericht mit Beschreibungen und historischem fast so als waere man selbst dabeigewesen. Liebe Gruesse Hans

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